Am Mikrofon spricht Jürgen Roggow.
Als junger Mensch wuchs ich mit dem Gedanken auf, dass beste Freunde für immer beste Freunde bleiben. Sie halten zusammen, und eigentlich kann nichts zwischen sie kommen.
So habe ich es jedenfalls in meiner Jugend mit meinem besten Freund erlebt. Doch durch den Umzug unserer Eltern haben wir uns später leider aus den Augen verloren.
Aber das besondere Gefühl, einen besten Freund zu haben, ist mir geblieben. Und bis heute freue ich mich für jeden Menschen, der einen solchen Freund oder eine solche Freundin an seiner Seite hat.
Doch irgendwann musste ich feststellen, dass es nicht immer so bleibt. Auch Menschen, die sich sehr nahe sind, können sich plötzlich wegen einer Kleinigkeit in einen Streit hineinsteigern – manchmal sogar so sehr, dass sie im Zorn auseinandergehen.
So wurde ich kürzlich Zeuge, wie zwei sehr gute Freunde sich auf einer Party wegen einer Kleinigkeit so sehr ereiferten, dass sie den Rest des Abends kein Wort mehr miteinander sprachen und schließlich, ohne sich zu verabschieden, auseinandergingen.
Jeder wollte Recht haben. Keiner wollte sich beherrschen. Keiner wollte einen Schritt zurückgehen. Und in diesem Moment wollte auch keiner den ersten Schritt zur Versöhnung machen.
Dabei sind die beiden seit Jahren beste Freunde. Sie verbringen ein bis zwei Tage in der Woche miteinander und haben sogar schon mehrere Urlaube gemeinsam verbracht.
Und nun stand plötzlich wegen einer Kleinigkeit ihre Freundschaft auf dem Spiel. Vielleicht hatte auch der Wein seinen Anteil daran. Aber letztlich war es wohl etwas anderes: In diesem Augenblick war der Wunsch, Recht zu haben, stärker als der Wunsch, Frieden zu haben.

Nachdem der erste Freund das Haus wortlos verlassen hatte, nahm mich der andere beiseite. Er wollte wissen, wie ich darüber denke und warum sein Freund wohl so gehandelt habe.
Da kam mir ein Gedanke.
Ich wusste, dass er ein teures Auto besitzt, auf das er sehr achtgibt. Also fragte ich ihn:
„Angenommen, du sitzt in deinem Auto und jemand nimmt dir die Vorfahrt, sodass du plötzlich voll bremsen musst. Was würdest du tun? Würdest du einfach draufhalten und dich in einen Unfall verwickeln lassen? Oder würdest du lieber bremsen und ausweichen?“
Er antwortete: „Natürlich würde ich bremsen und ausweichen.“
Darauf fragte ich ihn:
„Aber warum würdest du für dein Auto ausweichen – und bei deinem besten Freund nicht? Ist dein Auto mehr wert als dein Freund?“
Seine Frau, die immer zu ihm hält, sagte darauf ganz spontan:
„Da ist wirklich etwas Wahres dran.“
Dieser einfache Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Er begann darüber nachzudenken, was ihm eigentlich wichtiger war: Recht zu behalten oder die Freundschaft zu bewahren.
Und schließlich war er so aufgewühlt, dass er sich bereits am nächsten Tag von Herzen bei seinem Freund entschuldigte.
Interessanterweise stellte mir später auch der andere Freund die gleiche Frage. Und auch ihm gab ich dieselbe Antwort.
Beide hatten verstanden: Ihre Beziehung zueinander war ihnen wichtiger als der Wunsch, Recht zu haben.
Und zum Glück hatte dieser Streit ihrer Freundschaft keinen bleibenden Schaden zugefügt. Sie hatten sich versöhnt – und sind bis heute beste Freunde.
Dieser Abend hat mich aber noch über etwas anderes nachdenken lassen:
Warum verletzen wir manchmal gerade die Menschen, die uns am liebsten und wichtigsten sind?
Vielleicht liegt es daran, dass wir uns bei unseren Liebsten sicher fühlen. Wir wissen, dass sie uns kennen und hoffentlich auch nach einem Streit noch zu uns halten. Und gerade deshalb lassen wir unsere Gefühle manchmal ungefiltert heraus.
Wir kennen die Schwächen des anderen. Und manchmal wissen wir sogar ganz genau, welche Worte besonders treffen.
Aber müsste es nicht gerade umgekehrt sein?
Wenn uns ein Mensch wirklich wichtig ist, müsste unsere Zuneigung doch gerade in unserem Verhalten ihm gegenüber sichtbar werden.
Wie können wir es also besser machen?
Vielleicht beginnt es manchmal mit etwas ganz Einfachem: mit ein paar Sekunden Schweigen.
Wenn der Ärger in uns hochkommt, müssen wir nicht sofort antworten. Ein kurzer Moment des Innehaltens kann verhindern, dass aus einem kleinen Ärger ein großer Streit wird.
Oder wir könnten uns vorher eine andere Frage stellen:
„Würde ich genauso mit diesem Menschen sprechen, wenn er mir nicht so nahe wäre?“
Würden wir so mit einem Menschen reden, zu dem wir eine besondere gesellschaftliche oder berufliche Beziehung haben?
Wenn die Antwort Nein lautet – warum sollte dann ausgerechnet ein geliebter Mensch unsere schärfsten Worte zu hören bekommen?
Die Bibel gibt uns dazu einen bemerkenswert einfachen Rat. In Sprüche 15:1 heißt es:
„Eine sanfte Antwort dämpft die Erregung, eine kränkende Rede reizt zum Zorn.“
Und im Brief des Paulus an die Epheser lesen wir in Kapitel 4, Vers 32:
„Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“
Diese Worte bedeuten für mich nicht, dass wir Konflikte einfach verdrängen sollen. Es geht nicht darum, alles hinzunehmen oder niemals über etwas zu sprechen, das uns verletzt.
Es geht vielmehr darum, wie wir miteinander umgehen, während wir versuchen, einen Konflikt zu lösen.
Auch darin können wir Jesus Christus als Vorbild nehmen.
Er zeigte immer wieder, dass Menschen ihren Stolz überwinden und einander zuwenden sollen.
Seine Liebe war nicht davon abhängig, ob andere sich gerade richtig verhielten.
Und er machte den Menschen Mut, aus ihren Fehlern zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen.
Das zeigt mir: Wir können uns entscheiden.
Wir können entscheiden, einen Streit gar nicht erst entstehen zu lassen. Wir können entscheiden, ihn nicht weiter anzufeuern. Wir können einen Schritt zurückgehen, zuhören, uns entschuldigen oder dem anderen einfach sagen:
„Du bist mir wichtiger als dieser Streit.“
Vielleicht gibt es auch in Ihrem Leben einen Menschen, den Sie lieben und mit dem es gerade Spannungen gibt.
Dann könnten wir uns fragen:
Wie könnte ich diesen Menschen heute ein kleines bisschen besser behandeln?
Welches Wort könnte ich zurücknehmen?
Wo könnte ich statt auf mein Recht mehr auf Liebe setzen?
Wir können nicht immer verhindern, dass es Streit gibt.
Aber wir können entscheiden, ob unsere Liebe größer ist als unser Bedürfnis, Recht zu haben.
Und vielleicht ist das manchmal die wichtigste Entscheidung überhaupt.
Denn am Ende sollte nicht die Frage sein:
„Wer hatte Recht?“
Sondern:
„Was ist mir wichtiger?“
Und vielleicht lautet unsere Antwort:
„Du bist mir wichtiger.“